Dr. Volker Buddrus
Bekenntnisse eines Narzissten
Vorspann
Schon allein der Beginn mit dem akademischen Titel kündigt den Narzissten an. Ich bin etwas besonderes, ein Akademiker und jemand, der in Deutschland seinen Titel im Namen führen kann. Durch das Besondere hebe ich mich von den normalen Menschen ab. Egal in welchem Kontext benutze ich meinen Titel. Ich bin stolz darauf, ich habe mich für die Anfertigung meiner Dissertation lange bemüht. Ich habe Höllenqualen in der Vorbereitung und während der mündlichen Prüfung erlitten. Die akademische Laufbahn wählte ich auch wegen des hohen Status, um mich herauszuheben, etwas Besonderes zu sein.
Sogar mein Schreibprogramm unterstützt meinen Narzissmus, weil mit der neuen Rechtschreibung „etwas besonderes“ groß geschrieben werden muss „etwas Besonderes“!
Hauptfilm
Doch nun zum Anlass dieser Bekenntnisse.
Meine Frau liest mir aus dem Buch von Thich Nhat Hanh (Jeden Augenblick genießen. Übungen zur Achtsamkeit, Theseus Verlag, Berlin 2004, S. 13-22) vor. Ich markiere den vorgelesenen Text in kursiv und rot sowie die im Text kursiv vorgenommenen Heraushebungen in fett, um ihn vom Bericht meiner Reaktionen auf den Text abzuheben. Diese kennzeichne ich in blau.
Meine Frau liest: „Jeden Augenblick genießen – Achtsamkeit im Alltag.
Das letztendliche Ziel des Lebens ist es, zu sein; das heißt auf eine Weise zu leben, dass eine Zukunft möglich wird.“
Hier setzen meine Gedanken schon ein. „Mit dem Ziel des Lebens zu sein, stimme ich überein. Doch was redet Thich Nhat Hanh von einer Zukunft? Im Sein gibt es nur die Gegenwart und keine Zukunft“
Meine Frau liest weiter: „Das Beste, was wir für unsere Zukunft tun können, ist, dass wir uns so gut, wie wir es vermögen, um den gegenwärtigen Moment kümmern. Wenn wir in den gegenwärtigen Augenblick investieren, dann investieren wir in die Zukunft.“
„Na gut“, denke ich, „aber was sollen diese ökonomischen Begriffe“.
Meine Frau merkt nichts von meinen Kommentaren und liest weiter: „Der Buddha sagt, dass die Zukunft nur aus einer Substanz besteht und das ist die Gegenwart. Der beste Weg, sich eine gute Zukunft zu sichern, liegt darin, sich so gut wir können um die Gegenwart zu kümmern. Wenn wir ganz gegenwärtig sind und wenn wir uns um diesen Augenblick mit all unseren Möglichkeiten kümmern, dann ist dies das Beste, was wir tun können, um uns und anderen einen gute Zukunft zu sichern.“
„Das ist gut ausgedrückt“, denke ich, „doch warum bezieht er sich immer wieder auf die Zukunft, obwohl es diese im Sein nicht gibt.“
Meine Frau liest: „Sich um unsere Zukunft zu sorgen oder zu ängstigen hilft uns nicht. Wir wissen nicht genau, wie viele Tage uns noch zur Verfügung stehen. Selbst wenn wir 100 Jahre leben würden, haben wir nur 36500 Tage zu Verfügung. Aber wie viele von uns können 36500 Tage leben? Wir wissen nicht, wie viele Tage wir noch zu leben haben. Es gibt Menschen, die so alt sind wie ich (Ich weiß, dass Thich Nhat Hanh jetzt über 80 Jahre alt ist) und noch am Leben sind. Und es gibt junge Menschen, die schon sterben müssen.“
Ich denke „das sehe ich genauso, und ich bin froh, dass ich schon ab und zu mal einen Zugang zum Sein habe. Wenn ich mal sterbe, dann habe ich wenigstens schon mal erlebt, wie es im zeitlosen Sein ist. Und wie ich da bin“. Ich fühle mich ein bisschen stolz, zu den Wenigen zu gehören, die wissen, wovon Thich Nhat Hanh spricht. Ich sage zu meiner Frau: „Das ist gut ausgedrückt.“
Meine Frau setzt ihr Vorlesen weiter fort: „Jeden Moment unseres täglichen Lebens sollten wir deshalb dazu verwenden, mehr Achtsamkeit, Verständnis und Mitgefühl zu entwickeln. Wir können uns zum Beispiel um Gedanken bemühen und Dinge sagen, die voller Mitgefühl und Verständnis sind.“
Ich denke: „Achtsamkeit finde ich wichtig, denn sonst kann ich keine Seinserlebnisse vollziehen. Doch was soll das mit dem Verständnis und dem Mitgefühl? Das ist doch etwas für die anderen, eine zusätzliche Leistung, die ich für die anderen aufbringen soll. Dabei ist meine Aufmerksamkeit und Konzentration schon durch das Aufrechterhalten der Achtsamkeit ausgelastet. Die gesamte Bewusstseinskapazität, über die ich verfüge, brauche ich zuerst für mich. Da kann ich, zumindest beim jetzigen Stand meiner Fähigkeiten nichts für andere abzweigen. Aber wenn ich wie Thich Nhat Hanh so viele Jahre der Bewusstseinsschulung hinter mir hätte, dann hätte ich bestimmt auch genug für andere übrig.“
Meine Frau liest: „Jeder von uns ist dazu in der Lage. Und wir können so handeln, dass sich Mitgefühl und Verständnis in unserem täglichen Leben manifestieren. Es ist möglich, so zu handeln, dass Freude und Glück für die Menschen um uns herum wirklich werden. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung trägt unsere Unterschrift.“
Hier unterbreche ich meine Frau und sage: „Und wo bleibe ich dabei? Ich muss doch zuerst Freude und Glück bei mir erfahren, bevor ich das an andere Menschen weitergeben kann, und will“. Während ich so zu meiner Frau spreche, sagt eine Stimme in mir „Du Egoist“ und ich fühle mich etwas schuldig. Doch das „Und wo bleibe ich dabei?“ ist mächtig, ist ein Aufschrei von ganz tief innen. Das ist zwar politisch nicht korrekt, doch zutiefst stimmig für mich. Ich kenne zwar das christliche Konzept der Nächstenliebe und der Achtsamkeit gegenüber allem Lebendigen im Buddhismus, doch dies ist nur ein Konzept, ist etwas blasses Gedankliches. Es hat nicht die Wucht meines Bedürfnisses – und es lindert nicht meinen Mangel an erlebter Achtsamkeit durch andere, besonders durch meine Mutter und meine frühen Bezugspersonen.
„Warum“, so frage ich mich erneut, „soll ich mich um Freude und Glück für die anderen um mich herum kümmern, wenn ich mich doch zuerst um mich kümmern müsste.“
Nachdem ich dies ausgedrückt habe, sage ich zu meiner Frau: „Lies weiter“.
Meine Frau liest weiter: „Der Buddha spricht davon, dass es nur einen Moment gibt, in dem wir wirklich lebendig sind, und dies ist der gegenwärtige Augenblick. In vielen Vorträgen betont er immer wieder, dass es möglich sei, in diesem Moment glücklich zu sein.“
Ich stimme dem völlig zu. Dies ist auch meine Erfahrung, wenn ich in Seinszuständen bin.
Meine Frau liest: „Der Weg, den der Buddha uns dazu vorschlägt, ist die Praxis der Meditation. Diese besteht in erster Linie darin, zum gegenwärtigen Moment zurückzukehren. In unserem Alltag bilden Körper und Geist keine Einheit. Unser Körper ist hier und unser Geist weilt in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Dies wird in der buddhistischen Tradition als der Zustand der Zerstreutheit oder als Mangel an Achtsamkeit bezeichnet. Es ist sehr wichtig, den Geist zum Körper zurückzubringen, um wirklich im gegenwärtigen Moment zu verweilen. Wenn Körper und Geist vereint sind, dann sind wir in der Lage, wirklich in tiefen Kontakt mit dem zu kommen, was im gegenwärtigen Moment da ist. Alle Wunder des Lebens, der blaue Himmel, die Blumen, der Fluss, die Kinder, all das finden wir nur im gegenwärtigen Augenblick.“
„Das stimmt“, denke ich. „Und die Erfordernis, den Körper und den Geist wieder zu vereinen, ist als Zustand der Zerstreutheit gut ausgedrückt. Doch den blaue Himmel, die Blumen, den Fluss, die Kinder als Wunder des Lebens zu bezeichnen, ist doch etwas übertrieben. Dies sind zwar Dinge des Seins aber die sind doch nur. Da muss es noch etwas anderes geben, etwas Würzigeres mit mehr Pepp und Action, etwas, woran ich mehr Anteil haben kann, die Dinge, die mehr mit mir zu tun haben.“
Meine Frau liest: „Aber wenn wir den gegenwärtigen Augenblick verpassen, dann verpassen wir alles.“
„Das ist übertrieben“, denke ich. „Neben dem gegenwärtigen Augenblick gibt es doch noch mehr, überdauerndes.“ Ich spüre in mich hinein auf der Suche nach dem Überdauernden und finde etwas, einen Spannungszustand, unangenehm, ziehend, zergelnd, ein „ä …“
Meine Frau liest: „Viele Menschen fühlen sich sehr unglücklich und wissen nicht, was sie mit den ihnen gegebenen vierundzwanzig Stunden des Tages anfangen sollen. Manchmal sehen Menschen – auch sehr junge – keinen Ausweg mehr und begehen Selbstmord.“
„Das kann mir nicht passieren“, denke ich, „das ist nicht mein Problem, nicht meine Störung“.
Meine Frau liest: „Ihre Eltern, die Lehrer, unsere Politiker sind nicht in der Lage, ihnen zu helfen. In unseren Schulen lernen die Schülerinnen und Schüler viel über Technik, aber sie lernen nicht, wie sie vierundzwanzig Stunden des Tages glücklich leben können. Niemand hilft ihnen, tief zu schauen und ihre falschen Vorstellungen zu verändern.“
Dies zu hören, gefällt mir. Ich bin gleicher Meinung und habe einen großen Teil meines Berufslebens mit der Entwicklung einer humanistischen Pädagogik zugebracht. Ich fühle mich in meinen Analyen und in meinem Bestreben gerechtfertigt und bestätigt. Mir fallen viele erforschte Ursachen für diese Malaise ein. Ich sehe viele Schwierigkeiten, die einen Transformationsprozess in unserer Kultur hemmen und einschränken werden. Und etwas in mir sagt: „das Ziel ist überhöht. Wenn die Schüler und Schülerinnen lernen, ab und zu mal in den 24 Stunden glücklich zu sein, dann ist schon viel erreicht. Denn ich bin ja auch nicht mehr als ein paar Momente am Tag glücklich. Warum soll es denen besser gehen, als mir.“
Während ich dieses schreibe, wird mir das „ich“, „ich“, „ich“ bewusst. Immer wieder muss ich mir bestätigen, dass es sich um mich handelt. Als „aufgeklärter“ Narzisst weiß ich, dass die stete Selbstbestätigung für mich wichtig ist. Doch je mehr ich auch „ich“ benutze, höre ich doch nur immer das Bedürfnis nach Selbstbestätigung heraus. Das „ich“ ist mehr ein Schrei der Not, denn der stolze Siegesschrei Tarzans nach der Erlegung der Beute.
Meine Frau liest: „Deshalb sollten wir lernen, wie wir in unserem Alltag glücklich leben können, und anderen damit zeigen, dass es möglich ist, in diesem Moment glücklich zu sein. Es gibt so viele wunderbare und erfrischende Dinge, die uns dabei helfen können, wieder zu unserem Wohlbefinden zurückzufinden.“
Ich denke „ zuerst will ich in meinem Alltag glücklich leben und dann kann ich entscheiden, ob ich das tue, um den anderen zu demonstrieren, dass dies möglich ist. Alles andere wäre geheuchelt und nur der moralische Anspruch auf Belehrung der anderen. Ich mach das ja schließlich zuerst für mich, dann gibt es eine lange Pause, und dann kommen die anderen.“ Während ich dies denke, fühle ich einen Anflug einer tiefen Verletzung und die Gefühle von Zorn und Vergeltung, und ich denke weiter, „denn schließlich haben sich die anderen ja auch nicht um mich gekümmert, als ich das nötig hatte.“
Meine Frau liest: „Als ich ein junger Mönch war, fragte ich mich, warum der Buddha auf vielen Bildern und Statuen die ganze Zeit lächelt. Wie kann er angesichts des unermesslichen Leidens in der Welt immerzu lächeln? War er sich des Leidens bewusst? Schließlich fand ich heraus, dass wenn der Buddha stets geweint hätte, er niemandem zu helfen vermocht hätte.“
Ich denke: „Na und? Mir hat das Lächeln des Buddha bisher nicht geholfen. Ich bin immer noch in meinem Leiden.“
Meine Frau liest: „Wir müssen unsere Freude und unser Lächeln immer wieder nähren, um die Kraft zu haben, anderen zu helfen. Wir müssen so üben, dass wir genügend Freude und Stabilität entwickeln können. Wenn wir das nicht tun, werden wir sehr schnell von dem Leiden, das uns umgibt, überwältigt.“
Ich denke: „Welches „wir“ meint Thich Nhat Hanh eigentlich. Setzt er voraus, dass alle Menschen daran interessiert sind, andere zu heilen? Für mich gilt dies nicht! Ich muss zuerst einmal selber geheilt werden.“
Meine Frau liest: „Der Buddha nahm sich Zeit für sich, Zeit für Gehmeditation, Essmeditation und Zeit für Sitzmeditation. Gerade weil der Buddha sein Lächeln erhalten konnte, war er dazu in der Lage, so vielen Menschen zu helfen. Wenn Sie die Fortführung des Buddha sein wollen, dann müssen Sie das Gleiche tun.“
Der erste Satz macht mich betroffen. Ich nehme mir doch auch sehr viel Zeit für mich selbst zum Schwelgen in meiner Grandiosität, in meinen Wünschen nach Anerkennung, in meinem Leiden, dass ich nicht das Ausmaß an Beachtung finde, das ich brauche.
Doch der dritte Satz ruft Trotz in mir hervor. „Ich will nicht die Fortführung des Buddha sein, nicht bevor ich geheilt bin.“ Dieser Trotz verbindet mich mit dem kleinen Kind in mir.
Meine Frau liest: „Die Energie der Achtsamkeit ist die Energie des Buddha in uns. Wir können diese Energie mit der Übung des Atmens und Gehens in uns kultivieren. In unserem Alltag leben wir häufig in Unachtsamkeit, dem Gegenteil von Achtsamkeit. Wir trinken unseren Tee, aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Unser Geist beschäftigt sich mit der Vergangenheit oder der Zukunft. Achtsamkeit ist die Energie, die uns dabei hilft, unseren Geist zu unserem Körper zurückzubringen, zum gegenwärtigen Augenblick. Eine Einatmung oder ein Lächeln genügt. Wenn unser Geist und unser Körper eins sind, dann sind wir in diesem Augenblick ganz gegenwärtig, und wir sind ganz und gar lebendig.“
Diese Weisheit finde ich gut ausgedrückt. Und zugleich entfernt mich der Vorgang der Bewertung, auch wenn es eine Positive ist, von der Annahme der Weisheit. Ich kann nicht ohne eine Bestätigung meines Selbst mit dieser Weisheit sein. Das Atmen kann ich akzeptieren und erfahre die Wirkung oft in meiner eigenen Meditationspraxis. Doch mit dem Lächeln habe ich Probleme. Beim Nachdenken und Nachspüren des Lächelns kommt Widerwillen, ja Hass in mir hoch.
Meine Frau liest: „In der Christlichen Tradition feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung. Wir können sagen, dass jedes Mal, wenn wir uns unserer Ein- und Ausatmung bewusst sind, jedes Mal, wenn wir einen achtsamen Schritt tun und wir unseren Geist zu unserem Körper zurückbringen, wir die Auferstehung praktizieren. Essen, trinken und atmen wir, ohne uns dessen bewusst zu sein, was wir tun, dann sind wir wie Zombies, wie lebendige Tote. Mit der Übung des achtsamen Atmens oder Gehens stehen wir in gewissem Sinne von den Toten auf.“
Diese Weisheit kann ich nachvollziehen, auch wenn der Anspruch sehr hoch ist. “Und wie“ so frage ich mich „sollen wir unseren Alltag durchführen, wenn soviel Energie für das Aufrechterhalten der Achtsamkeit aufgewandt werden muss?“ Denn wir müssen ja schließlich unser Geld verdienen und können nicht, wie ein Mönch, unsere Tage in Meditation verbringen.
Meine Frau liest: „In unserem Alltag sind wir es gewohnt, stets der Zukunft entgegenzulaufen. Wir glauben nicht wirklich daran, dass Glück im gegenwärtigen Augenblick möglich ist. Vielleicht irgendwann in der Zukunft, aber nicht jetzt, nicht heute. Aus diesem Grund opfern viele Menschen den gegenwärtigen Augenblick für die Zukunft. Nach der Lehre des Buddha ist es aber sehr wohl möglich, hier und jetzt glücklich zu sein. Wenn wir zum gegenwärtigen Augenblick zurückkehren, dann können wir all die Bedingungen für unser Glück erkennen, die bereits jetzt schon erfüllt sind. Das wahre Leben findet sich nur im gegenwärtigen Augenblick. Das Reich Gottes oder das Reine Land ist hier und jetzt. Wenn Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Konzentration stark genug sind, dann ist nur ein einziger Schritt notwenig, um in das Reich Gottes zu gelangen. Der blaue Himmel, der Sonnenschein, die grünen Pflanzen, all das gehört zum Reich Gottes. Die blühenden Blumen, die singenden Vögeln und Ihr kleines Kind, all das ist Teil des Paradieses. Und Sie selbst, auch Sie gehören dazu. Es ist die Energie der Unachtsamkeit und unsere Gewohnheit, immer zu eilen und zu rennen, die uns daran hindert, im Reich Gottes zu leben. Und es sind unsere Angst, unser Ärger und unsere Gewalt, die verhindern, dass wir dorthin gelangen. Mit der Praxis der Achtsamkeit und Konzentration können wir diese negativen Energien in uns umarmen und verwandeln. Die Energie der Achtsamkeit und Konzentration hilft uns dabei, in Kontakt mit dem Reich Gottes oder dem Reinen Land Buddhas zu kommen.“
Diese Weisheit finde ich gut dargestellt. Dennoch. Als Thich Nhat Hanh zuerst alles das aufführt, was ich nicht bin, wurde ich ungeduldig. Erst als er auch mich mit als zugehörig erklärt, bin ich besänftigt. Doch ein Misstrauen bleibt. Denn bisher ist meine Zugehörigkeit nur eine unbewiesene Behauptung. Und für mich gilt: Ich bin vom Reich Gottes nicht durch die Unachtsamkeit, nicht durch das Eilen und Rennen geschieden, sondern durch meine unbefriedigende Bezogenheit auf mich selbst.
Meine Frau liest: „Der französische Schriftsteller Andre´ Gide sprach davon, dass Gott vierundzwanzig Stunden am Tag für uns da sei. Das bedeutet, dass auch das Reich Gottes vierundzwanzig Stunden des Tages für uns da ist. Meine Übung besteht darin, jeden Tag ins Reich Gottes zu gehen. Auch Sie können das lernen.“
Ich denke: „Auf Gott kann ich verzichten, aber sonst ein schönes Bild“.
Meine Frau liest: „Ich möchte Ihnen einige Hinweise geben, wie Sie achtsam atmen, gehen und essen können. Auf dieses Weise lernen Sie, wies möglich ist, während des ganzen Tages vollkommen gegenwärtig zu sein.“
Ich habe schon Meditationserfahrungen im Za-zen gemacht. Das achtsame Atmen, Gehen und Essen ist mir vertraut. Doch dies mache in Workshops und in Ausnahmesituationen. Für diese Situationen erlaube ich es mir, so, wie ich mir einen Urlaub erlaube. Doch das ist dann Urlaub, das sind außergewöhnliche Situationen, kein Alltag. Dies ist nicht mein Leben. „Denn wo“, so setzt eine Stimme in mir ein „bleibe ich sonst?“, „wo bleibt mein Drama“ sagt mein innerer Kritiker.
Meine Frau liest: „Morgens, wenn Sie Frühstück machen, nehmen Sie sich diese Zeit und verwandeln Sie sie in eine Zeit der Praxis, in der Sie das Leben feiern. Jeden Moment, in dem wir das Frühstück vorbereiten, können wir zu einem Fest machen, zu einem Fest des Lebens.“
„Was ist das für ein Schmus“, denke ich. „Frühstück machen ist eine gewöhnliche Tätigkeit, bei der ich entweder über einen meiner Träume weiter nachdenke, weiter träume oder versuche, so wenig wach wie möglich zu werden. Das gewöhnliche Frühstück ist doch schließlich kein Workshop. Ich könnte es einmal zu einem Workshop machen. Doch als Gewohnheit, Tag für Tag? Wo bleiben dann meine gewohnten Rituale. Und es ist anstrengend, so lange Zeit bewusst und achtsam zu sein. Achtsam bin ich bei der Arbeit, in Konfliktgesprächen, bei Moderationen, aber ich will mir doch nicht den Tran am Morgen durch Konzentration versauen.“
Meine Frau liest: „Sie sind lebendig und Sie machen Frühstück, vielleicht für einen lieben Menschen. Ist das nicht wundervoll? Verlieren Sie sich aber in Ihren Gedanken, in Ihren Gefühlen von Ärger oder Angst, dann vergeuden Sie diese Zeit. Bitte, nutzen Sie Ihre Intelligenz und Ihre ganze Entschlossenheit, so dass Sie die Zeit des Frühstückzubereitens zu einer Zeit der Praxis werden lassen können. Lächeln Sie jeden Morgen allen, denen Sie begegnen, zu.“
Abgesehen von meinen Problemen mit dem Lächeln ist dies eine gute Idee für Ausnahmesituationen. Der Anspruch, die Zeit des Frühstückzubereitens zu einer Praxis werden zu lassen, ist mir jedoch zu hoch. Ich denke: „Ich habe schon genug Ansprüche an mich selbst, die ich nur selten erfüllen kann. Soll ich mir noch freiwillig einen weiteren Anspruch aufhalsen, wegen dessen Teil- oder Nichterfüllung ich mir dann weitere Schuldgefühle auflade? Und ich will nicht jeden Morgen allen zulächeln. Ich will das machen, wozu mir gerade zumute ist. Zum Zulächeln habe ich normalerweise erst nach dem Frühstück und der Morgentoilette Lust. Nämlich dann, wenn es mir einigermaßen gut geht. Wollte ich vorher lächeln, wäre dies ein US-amerikanisches Lächeln, falsch, bigott.“
Meine Frau liest: „Als ich in Vietnam mit sechzehn Jahren zum Mönch ordiniert wurde, schenkte man mir ein Buch mit fünfzig kleinen Versen, die ich alle auswendig lernen musste und die mir dabei halfen, Achtsamkeit zu praktizieren. Darin gibt es einen Vers, der uns dabei helfen kann, gegenwärtig zu sein, wenn wir am Morgen aufwachen.
Ich wache auf und lächle.
Vierundzwanzig neue Stunden liegen vor mir.
Ich will jeden Augenblick des Tages vollkommen bewusst leben
Und allen Menschen mit Liebe und Mitgefühl begegnen.
Wenn ich meine Robe anzog, gab es einen Vers, der mir dabei half, auch dann achtsam zu sein. Wenn ich zur Toilette ging, praktizierte ich einen anderen Vers, der meine Praxis der Achtsamkeit unterstütze.“
„Positives Denken“ und „mentale Wichserei“ kommt mir in den Sinn, wenn ich dies höre. Ich will gar nicht allen Menschen mit Liebe und Mitgefühl begegnen. Nur denjenigen, die ich mag. Und ich will gar nicht jeden Augenblick vollkommen bewusst leben. Dann könnte ich mich ja nicht mehr in meinen Dramen suhlen.
Die Schärfe meiner Reaktion zeigt mir aber auch, dass hier ein wunder Punkt bei mir angesprochen wird. Vermutlich will ein Teil von mir genau das, was dieser vietnamesische Mönch sich vorgenommen hat. Ich spüre einen Augenblick tiefen Schmerz in mir. Doch meine Frau liest weiter und ich wage nicht zu unterbrechen, weil ich mich dieser Reaktion schäme.
Meine Frau liest: „Als junger Mönch vergaß ich manchmal, den oben stehenden Vers zu üben. Um mich daran zu erinnern, nahm ich ein rotes Blatt und steckte es an die Decke meines Moskitonetzes. Dieses rote Blatt erinnerte mich am Morgen, wenn ich aufwachte, als Erstes, achtsam zu atmen und dabei den Vers zu üben.
In unserem Zentrum in Frankreich ist an unserm Kopiergerät ein kleiner Zettel befestigt, auf dem ein kleines Gedicht uns daran erinnern soll, achtsam ein- und auszuatmen, während wir Kopien machen. Ein ähnlicher Zettel befindet sich in der Nähe unseres Telefons. Wenn wir jemanden anrufen wollen, dann atmen wir erst einmal ein paar Mal achtsam ein und aus, bevor wir die Nummer wählen. Und wenn wir dann das Telefon am anderen Ende Klingeln hören, dann atmen wir ebenfalls bewusst ein und aus. Läutet bei uns das Telefon, dann springen wir nicht gleich auf, sondern atmen erst einmal ein paar Mal ein und aus, stehen auf und gehen achtsam zum Telefon. Wir nennen das Telefon-Meditation. Wenn wir Auto fahren und an einer roten Ampel anhalten und achtsam atmen und lächeln, dann ist das Autofahr-Meditation.“
Diese Zettellage kenne ich gut. Bei mir im Schrank hängt eine Karte mit der Aufschrift.
“Du siehst Dinge
Und fragst warum?
Ich träume von Dingen
Die es nie gegeben hat
Und frage: warum nicht?“
Diese Karte hängt schon mehrere Jahre. Manchmal meine ich die Botschaft zu verstehen, manchmal weiß ich damit nichts anzufangen.
Auch gute Merkzettel, gute Erinnerungen verlieren durch Wiederholung an Wirksamkeit. Vielleicht brauche ich, wie Thich Nhat Hanh, ein Kloster zur weiteren Unterstützung. Der Alltag, so wie ich ihn mir eingerichtet habe, reicht dazu nicht aus. Der Sog meiner Persönlichkeit ist stärker. Diese Einsicht macht mich traurig. Doch ich ziehe aus der Trauer keine Konsequenz.
Meine Frau liest: „Der Vers für den Morgen, den ich Ihnen vorgestellt habe, gefällt mir außerordentlich gut. „Ich wache auf und lächle.“ Ich denke, dass Lächeln das Beste ist, womit wir unseren Tag beginnen lassen können. Es ist das Lächeln der Erleuchtung, denn uns ist bewusst, dass wir lebendig sind und vierundzwanzig neue Stunden vor uns liegen.“
Als ich den letzten Satz in den Computer eingebe, kommt Buchstabensalat heraus. Ich bin um einen Buchstaben beim Tippen verrutscht. Etwas in mir mag diesen Satz überhaupt nicht. Etwas an mir mag die Idee des Lächelns nicht. Ich hasse das Lächeln, denn mir ist nicht zum Lächeln. Mein Tagesanfang ist kein Geschenk. Ich bin nicht dankbar. Worüber auch. Denn ich bin mit mir und der Welt nicht so zufrieden. Alle meine großen narzisstischen Projekte scheitern immer wieder. Und das, was gelingt, nehme ich nicht angemessen wahr. Ich zürne der Welt und hadere mit meinem Schicksal. Da passt kein Lächeln dazu. Das Lächeln verbinde ich mit Anpassung an das Leben, an das Schicksal. Und das will ich nicht. Dann wären doch die ganzen narzisstischen Bemühungen umsonst gewesen. All die Anstrengungen, der Schmerz, die Niederlagen, die Hochpunkte des Ruhmes. Den strahlenden Helden gibt es bei diesem Lächeln nicht. Kein Wunder, dass der Buddha auf seine Position als Herrscher verzichtet hat.
Meine Frau liest: „Wir können dieses Geschenk von Himmel und Erde mit sehr viel Dankbarkeit empfangen. „Ich bin entschlossen, diese vierundzwanzig Stunden ganz tief und bewusst zu leben“ Das heißt, ich bin entschlossen, mir diesen Tag nicht zu verderben.“
Ich unterbreche meine Frau und sage zu ihr: „Mit Dankbarkeit habe ich nichts am Hut. Ich bin nicht dankbar für das, was mir mein Schicksal gebracht hat. Ich kann zwar vieles anerkennen, aber dankbar bin ich nicht. Diese Übung der Achtsamkeit ist bestimmt ganz wertvoll, aber ich bin für das Geschenk des Himmels nicht offen. Da müsste ich noch einiges an innerer Arbeit leisten.“ Schwingt in meiner Aussage etwas Verzweiflung mit? Ich fühle mich ausgeschlossen, allein und einsam in meinem Hader, sage aber zu meiner Frau: „Lies weiter!“
Meine Frau liest weiter: „Viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass wir einen Tag oder sogar einen noch längeren Zeitraum mit unserem Ärger oder mit unseren Sorgen völlig verdorben haben. Ein neuer Tag ist wie ein weißes Blatt Papier, auf das wir viele wunderbare Dinge schreiben, zeichnen oder malen können. Wenn Sie wissen, wie Sie liebevolle Gedanken in sich erwecken können, wenn Sie wissen, wie Sie achtsam zu sprechen vermögen, dann werden Sie die positiven Samen in sich selbst und in anderen wässern. Und wenn Sie wissen, wie Sie achtsam handeln können, dann machen Sie sich selbst und der anderen Person ein großes Geschenk. Füllen Sie ihren Tag mit liebevollen Gedanken, liebevollen Worten und liebevollem Handeln. Sie sind die Künstlerin oder der Künstler, die oder der diesen Tag in ein Kunstwerk verwandeln kann. Dieses Kunstwerk bieten Sie dem Leben, der Zukunft an. Ohne die Energie der Achtsamkeit wird es Ihnen aber schwer fallen, die Ihnen zur Verfügung stehenden vierundzwanzig Stunden in ein Kunstwerk zu verwandeln.“
Ich kann nachvollziehen, dass dies ein Weg ist – nach dem Training der Achtsamkeit. Doch eine liebevolle Haltung habe ich nur selten. So selten, dass ich sie als Ausnahmesituationen fast an einer Hand abzählen kann. In mir ist eher Missgunst als Liebe. Wie soll ich den Tag mit liebevollen Gedanken füllen? Die noch wichtigere Frage wäre jedoch: Warum beginne ich nicht zu üben? Ich könnte mit meinen Fähigkeiten diese Praxis durchführen. Eine ehrliche Antwort darauf: „Ich will lieber noch länger in der selbstgemachten Hölle schmoren.“
Meine Frau liest: „Wir können jede Tätigkeit unseres Lebens in Meditation verwandeln. Wenn Sie Ihre Teetasse aufnehmen, dann können Sie das achtsam tun. Ich atme ein und ich weiß, dass ich meine Teetasse aufnehme. Ich atme aus und lächle meinem Tee zu. Dieses Lächeln ist bereits das Lächeln der Erleuchtung. Es drückt aus, dass wir den Tee als Tee erkennen. Wenn wir einatmen, sind wir ganz gegenwärtig. Wenn wir ausatmen, erkennen wir das, was um uns herum gegenwärtig ist. Sie richten Ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Tee und auf die Tatsache, dass Sie den Tee jetzt trinken. Ihr Geist wandert dabei nicht in die Vergangenheit oder in die Zukunft, sondern er ist ganz und gar auf den Tee konzentriert, den Sie in diesem Moment trinken. Das ist es, was wir achtsames Trinken nennen. Jedes Mal, wenn wir unseren Tee, unsere Sojamilch oder unseren Kaffee trinken, können wir uns vollkommen bewusst sein, dass wir trinken.
Es ist wichtig, dass wir uns genügend Zeit zum Teetrinken oder zum Essen unserer Mahlzeiten nehmen.“
Diese Darstellung leuchtet mir ein. Als Ausnahmeübung kann ich sie sogar durchführen. Doch da ist auch Hass und Verachtung. Ich mag nicht die Alltäglichkeit des Tees. Ich mag nicht anerkennen, dass der Tee gegenwärtig ist. Meine Gegenwart ist mir nicht gut genug. Vielleicht wäre der Kaviar bei Vladimir Putin´s Galadinner etwas, was ich als angemessen empfände, gegenwärtig zu sein. Meine mir zur Verfügung stehenden Objekte „reichen“ mir nicht. Deshalb lese ich auch gerne Thriller, wo die Protagonisten ohne materielle und rangmäßige Einschränkungen mit Luxusobjekten umgeben sind. Was ist demgegenüber der simple Tee am Morgen. Er ist o.K. aber nicht mehr. Eine Begleiterscheinung des Niedergangs. Er ist für mich kein Grund zum Feiern, so etwas akzeptiere ich nicht als Erleuchtung. Ich erinnere mich noch: während eines Erleuchtungsworkshops musste ich bei entsprechenden Übungen mit achtsamen Essen lange genug auf meine gewohnten Gedankenwelten verzichten und darben.
Meine Frau liest: „Während Sie das Frühstück vorbereiten, können Sie achtsames Atmen praktizieren. Wenn Sie den Wasserhahn aufdrehen und das Wasser in den Kessel fließt, seien Sie sich des Wassers bewusst und der Tatsache, dass das Wasser in den Kessel fließt. Dann stellen Sie den Herd an, uns seien Sie sich auch dessen ganz bewusst. Wenn Sie die Teeblätter einfüllen, dann tun Sie das achtsam und lächeln Sie dem Tee zu.“
Die Achtsamkeit als Übung kann ich noch nachvollziehen. Doch das Lächeln macht mir weiterhin Probleme. Ich will das, was gegenwärtig ist, nicht noch zusätzlich anerkennen. Es reicht schon, wenn es am Rande meiner Aufmerksamkeit ist.
Nun weiß ich auch warum. Wenn ich das anerkenne, was ist, was gegenwärtig ist, dann müsste ich auch anerkennen, dass mein Narzissmus nicht da ist, zumindest nicht gegenwärtig ist. Die Phänomene meines Narzissmus, die Einstellungen, die Gefühle, das alte Wissen, all das ist nicht gegenwärtig. Dies hole ich jedes Mal erneut aus der Vergangenheit hervor, aus meiner Erinnerung, aus meinen Phantasien von zukünftigen Ereignissen.
Ich verstehe nun tiefer, was die Buddhisten meinen, wenn sie sagen, dass das Ich nicht wirklich ist. Es ist nicht gegenwärtig. Gegenwärtig sind nur diese Dinge wie der Tee, das Auto, der andere Mensch, der Sonnenunter- oder Aufgang. Ich weiß aus meinen Erfahrungen mit Erkundungsprozessen dass sich dann, wenn ich das akzeptiere was ist, Seinserfahrungen einstellen. Doch auch dies ist Erinnerung, ist nicht gegenwärtig.
Ich erkenne einen Übergangsbereich zwischen meiner Identifizierung mit dem Narzissmus und der Identifizierung mit dem Sein. Komme ich vom Narzissmus her, dann mag ich mich nicht auf die Gegenwärtigkeit von anderem einlassen, ich mag dann nicht lächeln. Bin ich im Seinszustand, dann bin ich und brauche nicht zu lächeln. In diesem Übergangsbereich jedoch kann mich das Lächeln unterstützen, die Anerkennung des Gegenwärtigen zu vollziehen, im Lächeln.
Meine Frau liest: „Lächeln ist eine wunderbare Übung. Hier geht es nicht um ein diplomatisches Lächeln. sondern um das Lächeln der Achtsamkeit. Es bedeutet: „Lieber Tee, lieber Kaffee, ich bin für dich da!“ Es drückt aus, dass wir das Objekt unserer Wahrnehmung als etwas Wahres erkennen. Dazu ist es aber notwenig, dass Sie selbst wirklich gegenwärtig sind; sonst können Sie die Gegenwart des anderen nicht wirklich erkennen. Das andere kann ein wunderbarer Sonnenaufgang sei; es kann ein lieber Mensch sein, dem Sie begegnen, oder es kann der Tee sein, den Sie gerade in die Tasse einschenken. Die Achtsamkeit hat die Kraft, das zu erkennen, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht.“
Was ich also brauche, ist die Entschlossenheit, achtsam zu sein. Dies bedeutet aber auch den Abschied von meiner narzisstischen Persönlichkeitsstruktur. Vielleicht immer wieder.
Meine Frau liest: „Wenn ihr Kind am Morgen aufwacht, dann lächeln Sie ihm mit dem gleichen Lächeln zu: „Liebling, ich weiß, dass du da bist, und ich bin sehr glücklich“. Sie lächeln Ihrem Tee oder Kaffee in der gleichen Weise zu wie Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner. Praktizieren Sie dabei achtsames Atmen: Wenn Sie einatmen, wissen Sie, dass Sie einatmen, und wenn Sie ausatmen, wissen Sie, dass Sie ausatmen.
Sie können bei allem, was Sie während des Tages tun, achtsam und gegenwärtig sein.“
Abspann
Der ganze Prozess, der sich beim Zuhören und beim Niederschreiben entwickelt hat, ist durch meine narzisstische Persönlichkeitsstruktur geprägt. Wäre meine Persönlichkeit voll entwickelt, würde ich dieses aus dem Sein heraus hören und lesen, dann wäre keine Motivation zur Ausdeutung und Darstellung vorhanden. Ich würde meine Frau liebevoll ansehen und ihr für das Vorlesen danken. Vielleicht würde ich mich zwischendurch wohlig räkeln und denken „sehr schön ausgedrückt von Thich Nhat Hanh“. Vielleicht würde sich bei mir aber auch die von mir bei Thich Nhat Hanh zu Beginn des Textes so stark abgelehnte Motivation des Mitgefühls mit den leidenden Menschen einstellen und die darauf folgende Weitergabe von Erkenntnissen und Methoden an andere Menschen.
Mir gab die Auseinandersetzung mit diesem Text Gelegenheit, meinen Narzissmus etwas genauer kennen zu lernen und den Ort seiner Wirksamkeit zu erkennen. Vielen Dank an Thich Nhat Hanh für Ihre Wirksamkeit. Vielen Dank an meine Frau für ihr Vorlesen und das Ertragen dieses Textes.
Nachbemerkung
Ich habe
meiner Frau als Dank für Ihr Zuhören beim Vorlesen dieses Textes ein Brötchen
mit Fleischsalat zubereitet. Diese Zubereitung erfolgte achtsam. Es war mir
dabei kaum möglich an mich zu denken. Denn meine Aufmerksamkeit war bei der
Tätigkeit des Zubereitens eines Brötchens mit Fleischsalat.